
20. August 2026
Wiktors Weg von München zur Freediving-Weltmeisterschaft 2026 in Budapest
Vier Disziplinen, vier White Cards, zwei persönliche Bestleistungen – und ein Platz unter den besten 50 der Welt. Meine erste Pool-Freediving-Weltmeisterschaft in Budapest war der Abschluss monatelangen Trainings, einiger Rückschläge und einer intensiven Vorbereitung mit viel Unterstützung aus der Freediving-Community.
Als ich bei der Abschlusszeremonie der Weltmeisterschaft 2026 in Budapest am Beckenrand stand, gemeinsam mit einigen der besten Freediverinnen und Freedivern der Welt, war ich unglaublich stolz. Nicht nur wegen der erreichten Distanzen, sondern vor allem wegen all dessen, was bereits vor meinem ersten Start passiert war. Der Weg nach Budapest hatte Monate zuvor begonnen – und Freedive Munich spielte nicht nur bei meiner Vorbereitung eine wichtige Rolle, sondern auf dem gesamten Weg.
Von der Qualifikation ins polnische Nationalteam
Eine lange Wettkampfsaison im Winter 2025 und Anfang 2026 endete für mich mit einem überraschend erfolgreichen Wettkampf bei den Suunto Games in Wrocław. Kurz danach stellten wir fest: Ich hatte die Voraussetzungen erfüllt, um Polen bei den Pool Freediving World Championships 2026 in Budapest zu vertreten. Damit war die ursprünglich geplante Saisonpause plötzlich gestrichen. Statt Erholung begann der nächste Trainingsblock. Im März wurde mein Platz im polnischen Nationalteam offiziell bestätigt. Doch fast zeitgleich bekam die Vorbereitung einen unerwarteten Dämpfer. Bei den Deutschen VDST-Meisterschaften verletzte ich mir die Zwischenrippenmuskulatur. Für Freediver ist eine solche Verletzung besonders unangenehm: Bei einer maximalen Einatmung dehnt sich der Brustkorb und belastet genau diese Muskulatur. Das Training musste deshalb angepasst werden. Statt die Verletzung zu ignorieren und einfach weiterzumachen, konzentrierten wir uns auf Kraft- und Core-Training sowie auf Atemübungen mit leerer Lunge. So konnte ich weiterhin an meiner CO₂- und O₂-Toleranz sowie an der Beweglichkeit des Zwerchfells arbeiten, ohne die verletzte Muskulatur unnötig zu belasten. Diese Phase bestätigte einen Grundsatz, der für mich im Freediving besonders wichtig ist: Sichere und nachhaltige Entwicklung ist mehr wert als eine einmalige Bestleistung um jeden Preis.
Training zwischen Beruf und Alltag
Die Vorbereitung auf eine Weltmeisterschaft findet nicht in einem abgeschotteten Trainingslager statt. Während der gesamten Vorbereitung arbeitete ich weiterhin regulär 40 Stunden pro Woche. Zusätzlich hatte ich einen Nebenjob, um einen Teil der Kosten für die Teilnahme an der Weltmeisterschaft zu finanzieren. Dazu kamen Training, Fahrten und Regeneration. Auch ein beruflicher Wechsel machte die Vorbereitung nicht einfacher, denn dadurch verlor ich den Zugang zu meinen bisherigen Trainingsmöglichkeiten im Fitnessstudio. Der Plan musste erneut angepasst werden. Gemeinsam mit meiner Physiotherapeutin Leni von der Physiotherapie Praxis Gern arbeiteten wir daran, Stabilität und Kraft wieder aufzubauen und mich Schritt für Schritt an entspannte Atempausen mit immer vollerer Einatmung heranzuführen. Im Mai konnte ich schließlich wieder vollständig ins Krafttraining einsteigen. Bei Freedive Munich hatten wir gleichzeitig die Möglichkeit, gezielt die dynamischen Pooldisziplinen zu trainieren. Nur zwei Wochen vor der Weltmeisterschaft kam außerdem noch neues Equipment an: neue Cetma-Bifins und eine individuell angefertigte Monoflosse. Für die letzten Trainingseinheiten wechselten wir zusätzlich von unserem gewohnten 25-Meter-Becken in ein 50-Meter-Olympiabecken – und damit auf Bedingungen, die denen bei der Weltmeisterschaft deutlich näher kamen. Die grundlegende Trainingsphilosophie änderte sich dadurch allerdings nicht. Fortschritt im Freediving entsteht nicht dadurch, ständig über die eigenen Grenzen hinauszugehen. Er entsteht durch eine solide Basis, Verständnis für den eigenen Körper, gute Technik und die Geduld, gezielt an den eigenen Schwächen zu arbeiten.
Ankunft in Budapest
In der Nacht zum 30. Mai packten wir unser Auto und machten uns auf den Weg nach Budapest. Nach den vielen Monaten Vorbereitung wurde plötzlich deutlich, welche Dimension diese Veranstaltung hatte. Rund 270 Athletinnen und Athleten aus mehr als 60 Ländern waren in die Duna Arena gekommen. Die Tage vor dem Wettkampf nutzten wir für Registrierung, das offizielle Pooltraining, die Kontrolle des Auftriebs – und vor allem dafür, endlich etwas zur Ruhe zu kommen. Zum ersten Mal seit Monaten gab es sogar einen Morgen ohne Wecker. Dann begann die Weltmeisterschaft.
DYNB – 184 Meter und persönliche Bestleistung
Dynamic Bi-Fins gehörte bisher zu meinen am wenigsten trainierten Disziplinen. Ein wichtiger Bestandteil der Vorbereitung war deshalb die mentale Visualisierung. Schon Wochen vor der Weltmeisterschaft ging ich den Tauchgang immer wieder im Kopf durch – inklusive Wenden, bestimmten Distanzen und den dazugehörigen Körperempfindungen. Meine angekündigte Leistung lag bei 140 Metern. Die relativ hohe Ansage war bewusst gewählt: Sie sollte verhindern, dass ich den Tauchgang mental zu früh beende. Der Beginn war allerdings alles andere als einfach. Durch die Wettkampfsituation und das Adrenalin begannen die ersten Kontraktionen bereits bei etwa 30 Metern. An der ersten Wende reagierte ich sogar etwas zu spät und berührte leicht die Beckenwand. Im Nachhinein war genau dieser kleine Fehler hilfreich. Er brachte meine volle Konzentration zurück auf die Technik. Von diesem Moment an konzentrierte ich mich darauf, möglichst stromlinienförmig zu bleiben, den Oberkörper vollständig zu entspannen und den Beinen zwischen den Bewegungen möglichst viel Erholung zu ermöglichen. Nach 150 Metern fühlte ich mich weiterhin kontrolliert. Bei 175 Metern hatte ich meine angekündigte Leistung bereits deutlich überschritten – trotzdem fühlte sich mein Körper noch gut an. Ich tauchte bei 184 Metern auf. Persönliche Bestleistung. Und noch wichtiger: Das Oberflächenprotokoll war sauber. White Card. Möglicherweise wäre sogar noch etwas mehr möglich gewesen. Aber kontrolliert aufzutauchen fühlte sich genau richtig an.
DNF – 133 Meter und vielleicht mein entspanntester Tauchgang überhaupt
Die Nacht vor Dynamic No Fins verlief alles andere als optimal. Magenprobleme sorgten dafür, dass ich kaum schlafen konnte. Entsprechend müde und dehydriert ging ich in den Wettkampftag. DNF gehört allerdings zu meinen Lieblingsdisziplinen und wird von mir regelmäßig trainiert. Meine angekündigte Leistung war mit 115 Metern bewusst konservativ. Unter Wasser passierte dann etwas Überraschendes: Der Tauchgang fühlte sich außergewöhnlich leicht an. Meine Technik funktionierte sehr effizient. Für 50 Meter benötigte ich lediglich vier Armzüge und vier Beinschläge. Auch der Atemreiz setzte erst ungefähr bei 80 Metern ein. Bei 125 Metern machte mich allerdings genau diese Leichtigkeit misstrauisch. Nach der schlechten Nacht stellte ich mir die Frage, ob ich möglicherweise erste Anzeichen einer Hypoxie falsch einschätzte. Statt ein unnötiges Risiko einzugehen, entschied ich mich, bei 133 Metern aufzutauchen. Mein Kopf war vollkommen klar. Vielleicht wäre deutlich mehr möglich gewesen. Aber den eigenen Körper richtig zu interpretieren und entsprechend zu reagieren, gehört für mich zu den wichtigsten Fähigkeiten beim Freediving. Wieder persönliche Bestleistung. Wieder eine White Card. Und unabhängig von der Distanz war es einer der schönsten und entspanntesten Tauchgänge, die ich bisher erlebt habe.
STA – wenn aus Erwartungen Druck entsteht
Static Apnea war in den vergangenen zwei Jahren ein Schwerpunkt meines Trainings gewesen. Im Training waren Zeiten von mehr als acht Minuten realistisch. Entsprechend hoch waren meine Erwartungen. Meine Frau Laura begleitete mich als Coach durch das Warm-up, das nahezu perfekt verlief. Doch Static im Wettkampf ist etwas vollkommen anderes als Static im Training. Ich hatte bewusst eine relativ niedrige Ankündigung gewählt, um früh starten zu können und den Druck gering zu halten. Der Plan ging nicht auf. Ohne eine anspruchsvollere Zielzeit vor Augen fehlte mir während des Versuchs der mentale Anreiz, länger durch die Kontraktionen zu gehen. Gleichzeitig sorgte das Adrenalin dafür, dass sich jede Minute deutlich länger anfühlte. Ich beendete den Versuch bei 4:29 Minuten. Wieder ein sauberer Versuch. Wieder eine White Card. Aber deutlich unter dem, was im Training möglich gewesen war. Gerade daraus entstand eine der wichtigsten Erkenntnisse dieser Weltmeisterschaft: Hohe Erwartungen können schnell zu Druck werden – und Druck ist genau das Gegenteil der Entspannung, die beim Freediving benötigt wird.
DYN – vierter Start, vierte White Card
Die letzte Disziplin war Dynamic mit Monoflosse. Es war gleichzeitig die erste echte Wettkampfmöglichkeit mit meiner neuen, individuell angefertigten Cetma-Monoflosse. Nach mehreren intensiven Wettkampftagen waren Körper und Kopf jedoch bereits müde. Erneut hatte ich eine relativ niedrige Leistung angekündigt. Und erneut bemerkte ich ein ähnliches Problem wie bei Static: Ohne ein ambitioniertes Ziel fehlte irgendwann der mentale Anreiz, durch die schwierigere Phase hindurchzugehen. Ich tauchte kontrolliert bei 104 Metern auf. Nicht die Distanz, die ich mir ursprünglich vorgestellt hatte. Aber damit war etwas anderes geschafft, auf das ich mindestens genauso stolz bin: Vier Disziplinen. Vier saubere Versuche. Vier White Cards bei meiner ersten Weltmeisterschaft.
Eine Weltmeisterschaft für die Geschichtsbücher
Meine eigenen Leistungen waren natürlich nur ein kleiner Teil dessen, was in Budapest passierte. Die Duna Arena erlebte eine außergewöhnliche Weltmeisterschaft: An jedem Wettkampftag fiel ein Weltrekord. Die Polin Magdalena Solich-Talanda eröffnete die Weltmeisterschaft mit einem Weltrekord über 270 Meter im Dynamic Bi-Fins. Mateusz Malina aus Polen verbesserte den Weltrekord im Dynamic No Fins auf beeindruckende 252 Meter. In Static Apnea erreichte die Deutsche Heike Schwerdtner unglaubliche 9 Minuten und 39 Sekunden. Zum Abschluss setzte Mateusz Malina mit 325 Metern Dynamic mit Monoflosse noch einen zweiten Weltrekord. Solche Leistungen aus unmittelbarer Nähe zu erleben und gemeinsam mit Athletinnen und Athleten anzutreten, deren Ergebnisse ich zuvor vor allem aus internationalen Ranglisten und Videos kannte, war etwas ganz Besonderes.
Meine Ergebnisse bei der Weltmeisterschaft
| Disziplin | Ergebnis | Bemerkung |
|---|---|---|
| DYNB | 184 m | Persönliche Bestleistung, weiße Karte |
| DNF | 133 m | Persönliche Bestleistung, weiße Karte |
| STA | 4:29 min | Weiße Karte |
| DYN | 104 m | Weiße Karte |
Vier Starts. Vier White Cards. Top 50 der Gesamtwertung bei meiner ersten Weltmeisterschaft. Auf diese Zahlen bin ich natürlich stolz. Die wichtigsten Erkenntnisse aus Budapest lassen sich allerdings nicht in Metern oder Minuten messen. Die Weltmeisterschaft hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, einen Trainingsplan anzupassen, wenn die Voraussetzungen sich ändern. Sie hat mir gezeigt, wie groß der Unterschied zwischen körperlichen Grenzen und mentalem Druck sein kann. Und vor allem hat sie erneut gezeigt, wie wichtig es ist, auf den eigenen Körper zu hören. Freediving belohnt Geduld. Manchmal ist es wichtig zu wissen, wann man weitermachen kann. Mindestens genauso wichtig ist es zu wissen, wann es Zeit ist aufzutauchen.
Danke an alle, die diesen Weg möglich gemacht haben
Eine solche Vorbereitung ist niemals eine Einzelleistung. Ein ganz besonderer Dank geht an Laura Mörtl, meine Frau, meinen Coach und die Person, die mich durch alle meine Versuche begleitet hat. Danke an Leni und die Physiotherapie Praxis Gern, die entscheidend dazu beigetragen haben, dass ich nach meiner Verletzung wieder vollständig ins Training zurückkehren konnte. Und natürlich ein großes Dankeschön an Freedive Munich für die Trainingsmöglichkeiten im Pool, das gemeinsame Dynamic-Training und die Community, die mich auf meinem Weg nach Budapest unterstützt hat. Bei der Abschlusszeremonie gemeinsam mit Athletinnen und Athleten aus aller Welt am Beckenrand zu stehen, fühlte sich zunächst wie das Ende einer langen Reise an. Wahrscheinlich war es aber vielmehr der Anfang der nächsten.
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